der bürgersteig muss weg – musikvideo

9 12 2010

erinnert ihr euch noch an das videoprojekt, über das ich vor ein paar monaten berichtet habe? stichwörter: nachbarschaftsstreit, bürgersteig, musikvideo… wem das alles nichts mehr sagt, der kann sich HIER und HIER nochmal updaten. für alle anderen gibt es direkt das entsprechende musikvideo.

fun facts am rande:

  • damit der ball bei 2:54 auch ordentlich durchs bild rollt, wurde eigens ein deutscher kicker engagiert. es war mir eine ehre.
  • mittlerweile ist der streit nicht mehr nur lokal ein thema – vergangene woche wurde sogar im nationalen fernsehen darüber berichtet!
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auf dem weg nach montréal – vielleicht…

7 12 2010

der wirklich viel zu kurze abstecher nach st. louis neigt sich auch schon wieder dem ende entgegen: 1,5 der zwei familientage sind vorbei – morgen nachmittag geht es wieder gen norden. so petrus das denn will. aus kanada erreichen mich nämlich nachrichten, dass es dort seit einigen stunden konstant schneit. und auch hier in den usa ist es beständig kalt und der schnee soll in der nacht kommen. ich hoffe jetzt einfach mal, dass das morgen alles glatt geht und auch die rück-einreise zu meinen kanadischen freunden ohne probleme über die bühne geht.

ach ja, es wäre außerdem noch schön, wenn sowohl ich als auch mein koffer den umstieg in new york schaffen würden und wir wirklich gemeinsam in montréal ankämen. fragen über fragen und viele, viele wünsche…

bis dahin noch ein paar schmunzler der letzten tage – die dazugehörigen bilder gibt es unten:

  • kaum ist man bei der „deutschen“ verwandtschaft in den staaten, gibt es auf einmal so viele langersehnte produkte: christstollen, salami, brot, das nach etwas schmeckt… heute kam mit der tageszeitung sogar der neue aldi-prospekt für diese woche!
  • wer in amerika kein geld für eine schönheits-op hat oder das risiko scheut, der kann sich auch einfach po-implantate in die hose stecken – meine lieblingswerbung des tages!
  • in new york verkaufen sie stinknormalen ham als black forest ham – und verlangen neun dollar für so ein sandwich! schwindel! und das auch noch im naturhistorischen museum!
  • es gibt tatsächlich einen mcdonalds in new york, in dem ein flügel steht, auf dem live musiziert wird – und das nicht einmal schlecht.
  • die new yorker weihnachtsshoppinghölle ist wirklich eine hölle. es ist hier der 6. dezember und weihnachtslieder stehen mir ganz weit oben!
  • ich habe jetzt endlich herausgefunden was aus den lindt-schoko-osterhasen wird, die sie in deutschland nicht bis zum osterfest verkauft haben: lindt-schoko-rentiere!!!
  • im restaurant in st. louis hat mich ein sehr netter mann gefragt, warum denn bitte sein land den verschuldeten griechen und vor allem deutschland finanziell helfen müsse – dabei habe man doch in amerika selbst genug probleme. und was ist denn überhaupt mit diesen faulen engländern los? warum zahlen denn die gar nichts?
    ich habe ihm dann anfangs sehr höflich versucht zu erklären, dass das so nicht ganz stimmt. er kenne aber jemanden, der die insider-infos hätte. der hat sogar ein buch darüber geschrieben. und wenn ich das nicht gelesen hätte, dann sei ich der dumme! außerdem war er fest davon überzeugt, dass es bald einen krieg zwischen deutschland und griechenland geben werde (wegen den hilfszahlungen) und dass die eu sowieso bald auseinander falle. ich habe dann mit einem schlichten „nope, i don’t think so“ geantwortet und er ist lauthals schimpfend davon gewalzt. ich meine, ein leises „fuck you“ gehört zu haben…
  • das ist aber auch alles kein wunder vor folgendem hintergrund: ich habe aus purem interesse zwei tage hintereinander die fox news um 21 uhr (hauptnachrichtensendung!) geschaut. alter schwede: sollte mich irgendjemand um höhere gez-gebühren bitten – ich zahle gern! DAS ist wirklich die hölle! 60 minuten nur berichte über lokale schießereien, raubüberfälle, morde und vergewaltigungen (alle mit fotos und vollständigen namen der vermeintlichen täter und opfer!); verhütungspillen für hunde; ein junge, der die brennenden haare seiner schwester gelöscht hat und deshalb von der feuerwehr offiziell als „superhero“ (kein witz!) ausgezeichnet wurde; einen „unfallschwerpunkt, an dem es in zwölf monaten elf unfälle gab, weil die autofahrer „zu freundlich waren“; sport; kurz ein paar bilder vom wetten-dass-unfall; wetter, wetter, wetter…
    in washington hat auch was statt gefunden – obama durfte seine steuerpläne in original sieben sekunden erklären – und dann ging es auch schon wieder zurück zum moderator, der sich bereit erklärt hat, dem wetterfritzen das auto vorzuwärmen. und einer familie, die ihr haus so hell wie eine kleinstadt beleuchtet, jetzt aber das haus verkaufen muss, weil der papa den job verloren hat. und die tochter muss jetzt selbst für ihren mcdonalds-besuch bezahlen. es gab tränen, einen spendenaufruf und den satz „es sollte das ganze jahr weihnachten sein – dann wären die leute immer hilfsbereit“. und gute nacht! richtige auslandsnachrichten? what the fuck?!

anbei noch ein paar impressionen der vergangenen tage und dann bis hoffentlich bald wieder aus kanada!

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es gibt dinge zwischen himmel und erde…

8 11 2010

… die sind und bleiben für mich einfach unbegreiflich. kanada ist ein land der westlichen welt: hoch zivilisiert, hoch entwickelt, alles bestens – und doch hat man manchmal so seine zweifel.

ich weiß nicht, wer von euch schon einmal vom sogenannten human development index (hdi) gehört hat. der hdi wird jährlich von den vereinten nationen veröffentlicht. er wurde von mehreren international anerkannten ökonomen entwickelt und soll die menschliche entwicklung in den verschiedenen ländern der welt messen.

während bei einem wert wie dem allseits bekannten bruttoinlandsprodukt lediglich die wirtschaftsleistung (pro einwohner) berücksichtigt wird, ist der hdi-ansatz breiter gewählt. hier fließen unter anderem auch faktoren wie lebenserwartung und bildungsgrad der bevölkerung ein. der faktor lebenserwartung gilt als indikator für gesundheitsfürsorge, ernährung und hygiene; bildungsniveau und einkommen für erworbene kenntnisse, die teilhabe am politischen und öffentlichen leben.

das einfach mal als theoretischer unterbau.

in der jährlichen hdi-bewertung schneidet kanada eigentlich immer sehr gut ab. lange jahre führte es die hdi-liste an, im jahr 2009 lag kanada weltweit auf rang vier – hinter norwegen, australien und island. zum vergleich: deutschland erreichte in der gleichen erhebung lediglich rang 22 – zwischen großbritannien und singapur.

aber ganz ehrlich: wenn ich mich hier manchmal so umschaue, dann zweifle ich erheblich an der aussagekraft dieser rangliste. ok, die feinheiten in bildungs- und gesundheitssystem maße ich mir nicht an, beurteilen zu können. aber wenn ich einfach nur auf die straße trete, mir infrastruktur und hygiene anschaue, dann habe ich doch wirklich meine zweifel.

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was ihr auf dem foto seht ist nicht die stromversorgung innerhalb eines ghettos. nein, das sind die stromleitungen in einem respektablen montréaler stadtviertel. und das ist wirklich kein einzelfall. so sieht es hier überall aus! von den übelst frost-geschädigten straßen oder straßen, die plötzlich in einen feldweg übergehen, will ich an dieser stelle mal lieber gar nicht sprechen – war ja auch bisher immer ein mietwagen, mit dem ich hier unterwegs war. da sag ich nur „don’t be gentle, it’s a rental!“

was lernen wir aber aus der ganzen sache? der faktor „infrastruktur“ wird auf keinen fall in die berechnung des hdi einbezogen. definitiv nicht. und was das thema hygiene angeht, bin ich mir wirklich auch nicht so sicher – aber der große themenkomplex „müll-hygiene“ ist dann ein eigenes blogthema.





andi und die einwanderungsbehörde

5 11 2010

ich habe heute mit der kanadischen einwanderungsbehörde telefoniert. nicht einmal, nicht zweimal – ich habe bestimmt 25 mal dort angerufen. ungelogen. es ist wirklich frustrierend, wenn man die warteschleifenmusik irgendwann mitsingen kann… wer es selber mal ausprobieren möchte, weil ihm stinkelangweilig ist: +1 888 242 2100 – die nummer kann ich mittlerweile auswendig. zumindest in kanada ist sie kostenlos und man kann sich stundenlang vergnügen!

warum ich mit der einwanderungsbehörde telefoniert habe? ganz einfach: ich will die kanadische staatsbürgerschaft beantragen!

bumm. das hat gesessen, hä?

nein, im ernst. es geht um meine aufenthaltsgenehmigung und arbeitserlaubnis. der nette grenzbeamte bei der einreise hat da einen kleinen aber nicht unbedeutenden fehler gemacht und ich hab jetzt den ärger. ein traum. er hatte ja auch damals nur ganz kurz zeit, meine unterlagen zu prüfen. ich glaube, ich habe im august drei stunden dort verbracht…

das problem ist folgendes: mein rückflug nach deutschland ist am 11. dezember. auf meiner arbeitserlaubnis steht aber „must leave country by 5. december“ – obwohl ich dem guten mann damals erklärt habe, dass ich am 11. wieder nach deutschland fliege und ihm sogar mein rückflugticket gezeigt habe.

ich habe jetzt die ganze zeit überlegt, ob ich überhaupt was unternehmen soll oder ob ich es einfach dabei belasse. was sollen die kanadier schon machen, wenn ich am 11. dezember mit einer abgelaufenen aufenthaltsgenehmigung am flughafen aufschlage? mich nach deutschland schicken..?!? danke, da will ich eh hin!

jetzt kam aber folgendes problem dazu: am 1. dezember startet der new-york-trip. rückkehr nach kanada: 5. dezember – just das datum, an dem ich kanada eigentlich verlassen müsste.

also habe ich heute bei der einwanderungsbehörde angerufen. und wieder. und wieder. deren telefonanlage ist komplett computergestützt – und zwar so verschachtelt, dass man sich in den untermenüs verliert. ich habe mir dann irgendwann aufgeschrieben welche ziffer ich wann drücken muss – um am ende dann doch nur die ansage zu bekommen „alle mitarbeiter sind derzeit im gespräch, versuchen sie es doch später wieder. übrigens: die besten chancen haben sie donnerstags und freitags.“

ach, und was tue ich hier schon seit stunden an einem DONNERSTAG?!? und zack war ich schon wieder aus der leitung.

heute nachmittag hatte ich dann endlich glück, bin nicht mehr aus der leitung geflogen und hatte nach schlappen 40 minuten in der warteschleife (einem akustischen schlangestehen, quasi) dann auch tatsächlich einen mitarbeiter aus fleisch und blut an der strippe. vorher hat mich übrigens die nette computerstimme darauf hingewiesen, dass es die einwanderungsbehörde nicht toleriert, dass anrufer fluchen oder ihre mitarbeiter beschimpfen. sollte ein anrufer trotzdem den einwanderungsbeamten beleidigen, dann darf der nach zweimaliger vorwarnung das gespräch einfach beenden. wow. harte kerle, diese kanadier. aber ganz ehrlich: ich verstehe jeden, dem nach dieser ganzen warterei die gäule durchgehen.

auf jeden fall habe ich dem guten mann meine situation erklärt. seine antwort: kein problem. beantragen sie einfach eine verlängerung ihrer aufenthaltsgenehmigung. das kostet 200 dollar und die bearbeitungszeit beträgt drei monate. aaaahhhh ja… vielen dank!

ich habe ihm dann einen anderen vorschlag unterbreitet: ich höre am 30. november auf zu arbeiten, mache mich am 1. dezember auf nach new york und komme am 5. dezember zurück nach kanada. reise also einfach nochmal ein. als stinknormaler tourist – ich will schließlich nicht mehr arbeiten, sondern nur meine letzten tage hier genießen, mich von kollegen und freunden verabschieden und dann am 11. dezember in den flieger gen germany steigen. so sehr ich sein schönes land nämlich mag: ich würde doch ganz gerne wieder zurück.

das hat er eingesehen und mir dann erklärt: hui, so einen komplizierten fall hatte ich noch nie. ich muss da mal unseren help desk anrufen. einen moment.

das gab mir dann endlich die gelegenheit, wieder der lieblichen warteschleifenmusik zu lauschen. ich hatte sie schon fast vergessen.

nach ein paar minuten war er dann wieder da, um mir zu bestätigen: das funktioniert. sie müssen nur darauf achten, dass sie bei ihrer einreise in die staaten einen usa-stempel in ihren pass bekommen, damit sie bei ihrer späteren wiedereinreise nach kanada auch beweisen können, dass sie das land tatsächlich verlassen hatten. dann können sie als tourist wieder zurückkommen. gar kein problem. und just in case: nehmen sie ihr flugticket nach deutschland mit, um zu zeigen, dass sie kanada wirklich verlassen wollen!

na also, geht doch – und so schnell und unbürokratisch! meine nachfrage: kann ich das ganze auch nochmal schriftlich bekommen? nicht, dass es dann an der grenze probleme gibt und ich nicht wieder reinkomme… – brauchen sie nicht. ich habe das mit den zuständigen stellen geklärt. das passt.

ich bin wirklich gespannt. an dieser stelle: wie hieß eigentlich der tom-hanks-film, bei dem er dank problemen an der grenze den flughafen nicht verlassen darf?!?

wie auch immer: ich habe heute wirklich nullkommanull gearbeitet und nur am telefon gehangen. wenn sich noch einmal jemand über deutsche bürokratie beschwert – die ist im vergleich vielleicht gar nicht so schlimm wie man immer denkt…





der bürgersteig muss weg – teil II

25 10 2010

vor genau einer woche war der musikvideodreh zum nachbarschaftsstreit mein thema (bürgersteig mitten auf der straße und so…). heute ist er es wieder. denn: der dreh ging heute in die zweite runde. wir waren im tonstudio. schließlich braucht es für ein musikvideo ja nicht nur die passenden bilder, sondern auch die passende musik!

und wenn die kanadier was machen, dann machen sie es richtig! mit sack und pack kam heute ein teil der bürgerinitivative ins studio und dann wurde gesungen und gespielt. aber nicht irgendwie larifari – nein, das war professionell! wie ich nämlich gelernt habe, nimmt normalerweise arcade fire (für alle, die es schon vergessen haben: die montréaler band schlechthin!) dort auf. heute standen studio und toningenieur nur für uns zur verfügung.

die fäden in der hand hatte matt – in den 80ern selbst erfolgreicher musiker und noch immer eine „coole sau“. er hat band und chor für den einsatz im studio trainiert und es hat sich wirklich ausgezahlt. egal ob grundschulkind, abiturient oder hausfrau – alle haben im studio gerockt und aus vollem hals gesungen. und das wirklich nicht mal schlecht. der song ging wirklich ins ohr. ich bin ja unendlich auf das fertig produkt gespannt!

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natürlich habe ich die gelegenheit genutzt und mein kleines aufnahmegerät laufen lassen und interviews aufgezeichnet – und ich war nicht der einzige: neben dem musikvideo-team waren ein tv-team, drei radioreporter und ein pressefotograf da. wirklich wahnsinn zu sehen, wie eine bürgerinitiative mit einer lustigen idee ihre eigenen leute sowie die ganze pressemeute mobilisieren kann.

und das beste: jeder arbeitet mit herzblut und „für umme“ an dem projekt. bei einer normalen kalkulation wären für die ganze arbeit rund 10.000 dollar fällig. dank der vielen freiwilligen und ihrer kontakte belaufen sich die kosten auf null. wahnsinn! auch so kann politischer protest aussehen – und spaß machen!

wer das endprodukt gar nicht abwarten kann, für den stelle ich schon mal ein paar lyrics online. viel spaß beim lesen und summen. achja: eine facebook-gruppe zum thema gibt’s auch. und dort gibts sogar bilder von mir während der arbeit: www.facebook.com/devilshill.

im studio stand natürlich auch ein klavier. bis die band angerückt ist, konnte ich das ein wenig bearbeiten. wie schön. und wer weiß: vielleicht habe ich jetzt sogar auf dem klavier gespielt, mit dem sonst arcade fire aufnehmen? oh mann – so schnell werde ich mir die hände nicht mehr waschen…

hier noch die versprochenen lyrics:

We are your neighbors, through & through
We live here just like you
You’ve done some things to make us feel
make us feel so blue
You’ve closed the road and we can’t get through
We know we matter too
It seems you want your own little town
Even though safety says … take that blockade down!

Take that blockade down … do, do, do, do
People make a town … do, do, do, do
Enlevez la barricade … do, do, do, do
Safety forever … and we say
Help us sing our song … Blockades are wrong!

Enlevez la barricade!
Enlevez la barricade!

On se voisine , de bord en bord
D’ici – égaux daccord?
Vos actes sont posés sans remord
Fermer notr‘ rue bat le reccord
Cloison fermée pour votr‘ p’tit fief?
Non , sécurité crie “Encore un grief!”

Enlevez la barricade … do, do, do, do
Ensemble une bourgade … do, do, do, do
Enlevez cette facade … do, do, do ,do
La sécurité d’abord
Chantons ensemble cette chanson
Les barricades ca n’a rien de bon!

Enlevez la barricade!
Enlevez la barricade!





„wir sind keine kleinen amerikaner!!!“ – können aber auch kein französisch…

22 10 2010

ja, heute ballert er die artikel geradezu raus – aber mir ist da vorhin noch etwas aufgefallen, das ich einfach loswerden muss. es zerreißt mich gerade innerlich vor lachen.

ihr erinnert euch noch an die demo, auf der ich am montag war? wer es nicht mehr weiß: HIER geht’s zum artikel. für alle, denen der grobe überblick genügt: die québecer kämpfen ganz fleißig für den erhalt ihres geliebten französisch und gegen den zunehmenden einfluss des englischen.

montréaler herbst: "wir wollen keine kleinen amerikaner sein" - und wohl auch keine kanadier

das ist ja auch alles schön und gut. wäre da nicht diese eine kleinigkeit, die mir aufgefallen ist, als ich die demo-bilder nochmal angeschaut habe. erinnert ihr euch noch an dieses foto? „non à la dictature canadian“ steht darauf geschrieben. irgendetwas hatte mich die ganze zeit daran gestört – ich wusste nur nicht, was es genau war.

jetzt ist es mir endlich gedämmert: der (nicht mehr ganz so) junge mann, der hier vehement gegen die vermeintliche kanadische und damit eben auch anglophone domianz im schönen québec demonstriert und sich für seine wohlklingende, kulturell immens wichtige und überhaupt fantastische französische sprache einsetzt, hat eindrucksvoll bewiesen, dass intensives französischlernen not tut. er war nämlich leider nicht in der lage, sein protestschild in korrektem französisch zu schreiben!

ich vermute mal, er wollte „non à la dictature canadien“ schreiben – schließlich existiert das wort „canadian“ im französischen doch überhaupt nicht! nicht mal im québecois, dem kanadischen französisch.

hm, das ist jetzt halt blöd gelaufen… übrigens: im englischen wäre diese schreibweise völlig korrekt…

zur aufmunterung hilft vielleicht ein bisschen monty python. schönes wochenende!





„wir sind keine kleinen amerikaner!!!“

19 10 2010

wenn es nach der dame geht, von der dieser ausspruch stammt, dann müsste ich wohl noch ein paar mehr ausrufezeichen hinter ihren satz packen. wie ihr seht: heute wird’s politisch. die rolle der französischen sprache in kanada. und ich merke an dieser stelle einfach zur erinnerung an: québec ist nicht kanada!

mein chef hat mich auf eine demonstration geschickt. die technischen details vorab: mein aufnahmegerät hat mich im stich gelassen, wenn es funktioniert hat, dann war es so windig, dass es mir die o-töne versemmelt hat und schweinekalt war es obendrein. soviel zum erfolg meines einsatzes.

montréaler herbst: protest gegen das gesetz 103

jetzt aber zum inhaltlichen: meine herren, ich hatte ja viel erwartet – aber das? was eigentlich ganz harmlos klingt, trifft den überzeugten québecer mitten ins herz. es ging um la loi 103 – das gesetz 103. das zu erklären ist nicht ganz einfach, ich versuche es aber trotzdem einmal.

die qua verfassung festgelegte landessprache québecs ist das französische. doch in der vergangenheit ist die französische dominanz stark ins wanken geraten. das englische hat in beruf und alltag immer mehr zugenommen. die wurzel allen übels sahen die stolzen québecer in einer ausnahmeregelung. die sprach-gesetze sahen vor, dass man der englischsprachigen minderheit in québec entgegenkommt, indem man folgendes zugesteht:

kinder dürfen auf eine staatlich finanzierte englischsprachige schule gehen, wenn

  • sie oder ihre geschwister bereits einen teil ihrer bildung an einer englischsprachigen schule erworben haben oder
  • mindestens ein elternteil des kindes anglophoner kanadier ist und seine bildung an einer englischsprachigen schule erworben hat.

soweit verstanden? gut. jetzt wird’s nämlich noch komplizierter.

immer mehr menschen haben diese regelung unterlaufen, indem sie ihre kinder für ein schuljahr (zum teil auch nur einige wenige monate) auf eine englischsprachige privatschule geschickt haben. damit hat das kind für sich und alle seine geschwister das recht auf eine weitere ausbildung an einer staatlich finanzierten englischsprachigen schulbildung erworben.

montréaler herbst: das französisch muss bleiben

im klartext: die ausbildung wurde immer häufiger an einer englischsprachigen privatschule begonnen und von den eltern bezahlt. dann wurde sie aber an einer englischsprachigen, vom staat québec finanzierten schule fortgesetzt. was also ursprünglich als entgegenkommen für die anglophone minderheit gedacht war, hat auch immer mehr französischsprachigen und vor allem zugewanderten québecern gefallen und sie haben die regelung systematisch unterlaufen. die québecer wurden also immer mehr von englisch-sprechenden menschen unterwandert und haben das auch noch bezahlt.

deshalb wurde im jahr 2002 ein gesetz verabschiedet, das das unterlaufen der ursprünglichen regelung erschweren bzw. unmöglich machen soll, um so die rolle des französischen zu stärken. laut statistiken (bereitgestellt von den französisch-befürwortern) hat das französische in montréal stark abgenommen: war es 1986 noch für 59,9 prozent der montréaler die muttersprache, sprachen 2006 nur noch 49,8 prozent der montréaler französisch als erste sprache. im übrigen québec war der französisch-rückgang übrigens nicht so stark ausgeprägt – dort sanken die werte im gleichen zeitraum von 82,9 prozent auf 79,6 prozent.

am 22. oktober 2009 hat der oberste kanadische gerichtshof (wohlgemerkt: nicht der québecer, sondern der kanadische gerichtshof in der hauptstadt ottawa) den québecern ihre modifizierte sprach-gesetzgebung untersagt. man dürfe vereinfacht gesagt das englische nicht so stiefmütterlich behandeln.

außerdem hat der gerichtshof eine frist bis zur umsetzung eingeräumt: genau ein jahr. wer also rechnen kann, der stellt fest: 22. oktober 2009 plus ein jahr – das ist ja ganz bald.

deshalb hat die québecer regierung das gesetz 103 auf den weg gebracht, das mit dem urteil des obersten kanadischen gerichtshofs im einklang steht, den alten umweg über die privatschule wieder erlaubt – und weite teile der eigenen bevölkerung absolut empört.

als offizielles argument wird ins feld geführt, dass gerade reiche familien sich eine englische ausbildung ihrer kinder erkaufen können und damit eine zweiklassengesellschaft entstehe. in wahrheit geht es aber um viel, viel mehr. die québecer sind äußerst stolz auf sich, ihre herkunft, ihre identität und vor allem ihre sprache. sie sind schließlich die einzige französischsprachige gruppe in ganz nordamerika. und aus dieser perspektive schauen sie auch gerne auf den rest kanadas.

montréaler herbst: "wir wollen keine kleinen amerikaner sein" - und wohl auch keine kanadier

so auch eine meiner gesprächspartnerinnen heute abend. sie hat mir erklärt: „die kanadier (man bemerke an dieser stelle die wortwahl! man versteht sich hier wirklich nicht als kanadier, sondern als québecer!) haben keine eigene identität. sie sind nur ‚kleine amerikaner‘. wenn wir hier unsere sprache aufgeben, dann werden wir auch kleine amerikaner – und das wollen wir nicht!“

 

und so ging es bei der demo heute richtig rund: ich würde schätzen, dass bei ekelhaftem wetter rund 2000 menschen im montréaler stadtzentrum versammelt waren. alle ausgestattet mit protest-aufklebern, großen fahnen und protest-schildern, eingepeitscht von prominenten vorkämpfern der franzöischen sache. ich habe auch des öfteren „vive le québec libre!“ (es lebe das unabhängige québec!) gelesen und gehört.

irgendwann hat es sogar einfach ausgereicht nur den namen „jean charest“, amtierender ministerpräsident québecs und führer der québec liberal party, zu nennen, um die menge zum buhen zu bringen. die integrationsdebatte läuft also im moment nicht nur in deutschland auf hochtouren!

in so einem umfeld ist es für einen ausländischen journalisten dann gar nicht so einfach, zu arbeiten. dank meines akzents war natürlich jeder zunächst einmal skeptisch, ob ich nicht doch ein heimlicher „anglophoner spion“ sei. ich konnte dann aber immer glaubhaft versichern, dass ich für einen französischen sender arbeite. sobald das geklärt war, habe ich dann auch bereitwillig auskunft erhalten – ohne dass jemand ein blatt vor den mund genommen hätte. ich bin gespannt, ob mein aufnahmegerät das tatsächlich alles mitgeschnitten hat. ich bezweifle es.

als schließlich die batterien ihren geist aufgegeben haben und ich vollkommen durchgefroren war, hab ich mich auf den heimweg gemacht. aber nicht direkt. auf diesen kulturschock musste ich erst einmal etwas essen. ich bin dann unterwegs kurzerhand in einem ur-québer restaurant eingekehrt. seine tür zierte ein großes goldenes m…

ps: leider konnte ich keine besseren bilder machen – ich hatte nur mein handy dabei.








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